Arzt mit Medikament

"Der Pilz ist oft nur Zugabe"

Interview mit Professor Eiko E. Petersen

Wenn Frauenärzte mit ihrem Latein am Ende sind, kommt Professor Eiko E. Petersen ins Spiel. Aus ganz Deutschland kommen Frauen mit der Diagnose "chronischer Scheidenpilz" zu dem Experten. Der Frauenarzt und Mikrobiologe ist Leiter der Sektion "Gynäkologische Infektiologie" an der Universitäts-Frauenklinik Freiburg - der einzigen Abteilung dieser Art im Lande.

LIFELINE: Professor Petersen, für viele Frauen mit chronischem Scheidenpilz sind Sie letzte Anlaufstelle. Was machen Sie anderes als andere Gynäkologen?

Professor Petersen: Pilze behandeln kann natürlich jeder Frauenarzt. Meine Aufgabe ist es, herauszufinden, ob der Pilz überhaupt die Ursache der chronischen Beschwerden ist. Bei 15% der Frauen lassen sich auch ohne Beschwerden Candida albicans sogar in der Scheide kulturell nachweisen. Hefepilze sind relativ häufig. Insgesamt beherbergen zirka 40% aller Menschen diese Pilze in ihrem Körper, z.B. im Darm, im Mund oder Genitalbereich. Darm und Mund können das Reservoir für Genitalinfektionen sein. Zum Problem wird der Pilz erst, wenn er eine Entzündung auslöst. Es gibt aber auch harmlose Pilze, z.B. Candida glabrata, die keine Entzündung verursachen, und daher nicht behandelt werden brauchen, was ohnehin kaum gelingt. Grundsätzlich können schmerzhafte Entzündungen durch Infektionen, Immunerkrankungen oder Hautbeschädigung verursacht werden. Es sind auch Kombinationen dieser Ursachen möglich. Auch die Körperabwehr spielt eine Rolle oder das Vorliegen einer Stoffwechselerkrankung, z.B. ein Diabetes mellitus. Das sind aber eher seltene Ursachen. Die Erfahrung zeigt, dass bei Patienten mit chronischen Problemen die Pilzinfektion meist nur ein zusätzliches Geschehen ist, oder nicht mehr vorliegt.

LIFELINE: Welches sind die eigentlichen Ursachen für chronisches Jucken und Brennen in der Scheide?

Professor Petersen: Meist sind es Hautprobleme. Die Patientinnen haben entweder eine Hauterkrankung oder eine Hautbeschädigung. Letztere ist unwissentlich oft selbst verursacht. Es sind gerade die sauberen, gepflegten Frauen, die Probleme bekommen. Nach jedem Toilettengang wird eifrig gewaschen, das Bidet benutzt oder Feuchttücher eingesetzt - das kann zu Hautschädigungen führen, auch im sensiblen und meist zarten Genitalbereich. Wegen der Nähe zum Darmausgang ist dieser Bereich stark mit Mikroorganismen besiedelt. Selbst durch winzige Risse in der Haut können die Keime dann in den Körper eindringen. Am Anfang der Beschwerden kann auch eine Pilzinfektion vorliegen, die durch die Entzündung die Haut schwächt und verletzlich macht. Nach wiederholten Pilzbehandlungen ist bei manchen Frauen der Pilz beseitigt, aber nicht die Beschwerden, die jetzt weniger in Juckreiz, sondern eher in Brennen bestehen. Was für einen Pilz gehalten wird, ist inzwischen eine Allergie. In diesen Fällen bringt nur richtige Hautpflege eine Besserung. Gelegentlich kann auch kurzfristig eine Kortisonsalbe eingesetzt werden.


Autor: bsmo Redaktion
Stand: 25-11-2004




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