arm in arm schlafendes paar

Frauen im Fokus

Guter Sex, schlechter Sex

Männer wissen, was Frauen wünschen? Stimmt nicht. Woher sollten sie auch, wenn in Beziehungen selten darüber geredet wird. Über Lustbremsen und Genussplus.

Häufiger, ausgefallener, ekstatischer

Sex macht Spaß. Eigentlich. Wären da nicht tausend Sachen, die uns die Lust loswerden lassen. Ganz vorne weg sexueller Leistungsdruck. Permanentes Begehren und ekstatische Orgasmen in Reklame und Medien schrauben die Erwartungen hoch und lassen den Verkehr daheim fad erscheinen. Nicht selten verkommt das Bett zur Brache, in der nur noch Scham und Schuldgefühle wuchern. Knapp ein Drittel der Frauen zwischen 18 und 59 Jahre klagen über mangelndes Interesse an Sex, berichtet die Familienberatungsstelle Pro Familia. Etwa ein Viertel der Frauen erlebt keinen Orgasmus, dennoch tun etliche so: In der Studie der Berliner Charité gaben 90% der befragten Frauen an, ihrem Partner schon einmal einen Orgasmus vorgetäuscht zu haben – ein fulminantes Finale gehört schließlich dazu.

Die Lust – ein anfälliges Gut

Doch Sexualtherapeuten sagen: Es ist ganz normal, mal keine Lust zu haben – auch wenn so eine Phase ein bis zwei Jahre dauert. Lustbremsen lauern schließlich überall: Zeitdruck, Überforderung, Erschöpfung, Konflikte, Paarprobleme, Verhütungssorgen, Ängste. Viele Frauen haben z.B. nach der Geburt eines Kindes keinen Spaß an Sex. Anderen setzt der Alltagsstress zu. Er macht sie nicht nur müde; bei anhaltender Belastungen drosselt der Körper auch die Produktion von Sexualhormonen. Sogar innerhalb eines Monatszyklus sorgen die Hormone mal für weniger, mal für mehr Leidenschaft - oft steigt das Begehren um die Zeit des Eisprungs an. Ein Stressfaktor, der immer wichtiger wird, ist die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Viele Frauen nehmen sich sexuell mehr und mehr zurück, weil sie sich nicht attraktiv finden. Sie vermeiden z.B. bestimmte Stellungen, um vermeintliche körperliche Mängel zu verbergen, zeigte eine Befragung von Female Affairs. Die Gruppe von Wissenschaftlerinnen stellte weiter fest: Je positiver Frauen ihren Körper wahrnehmen, desto freier und genussvoller erleben sie Sexualität.

Störungen, Schmerzen, Krämpfe

Sexualmediziner schätzen: Etwa ein Drittel der sexuellen Funktionsstörungen ist psychisch bedingt, ein Drittel körperlicher Natur und bei einem weiteren Drittel mischen sich organische und seelische Ursachen. Schmerzen beim Verkehr (Dyspareunie), Orgasmusstörungen bis hin zu Scheidenkrämpfen (Vaginismus), die das Einführen eines Penis oder Tampons unmöglich machen, können durch Stress, Angst, aber auch durch neurologische Erkrankungen, Stoffwechselkrankheiten oder Depressionen verursacht werden. Frauen, die glauben, an einer sexuellen Funktionsstörung zu leiden, sollten sich auf jeden Fall Hilfe suchen. Erste Ansprechpartner sind Frauenärzte sowie die Sexualberatungsstellen von Pro Familia und an Universitätskliniken.

Jucken statt Verlangen

Landläufig unterschätzte Lustkiller sind Infektionen der Scheide. Ständiges Jucken, Brennen und Schmerzen beim Verkehr können einer Frau den Spaß am Sex gründlich verleiden – besonders wenn eine Entzündungen immer wiederkehrt. Neben Bakterien verursachen vor allem Pilze solche Infektionen. Sie vermehren sich, wenn das saure Klima in der Vagina gestört wird und die Scheide ihren natürlichen Schutzwall einbüßt. Das kann z.B. durch Hormonschwankungen, das Einnehmen von Antibiotika, übertriebene Intimhygiene oder besondere seelische Belastungen geschehen. Scheideninfektionen lassen sich meistens relativ einfach behandeln – Bakterien wird mit Antibiotika der Garaus gemacht, Pilzen mit Antimykotika.

Problemzone Po

Auch Analerkrankungen können Frauen die Lust auf Bettgeflüster vereiteln. Eine Befragung zeigte, dass Frauen mit Analfissuren oder Hämorrhoidenleiden nicht einmal im Intimbereich berührt werden möchten. Die Angst vor Schmerzen ist dabei eine Sache, Scham eine andere. Viele Frauen mit Analerkrankungen fühlen sich unsauber und möchten sich ihrem Partner so nicht zeigen. Das trifft auch auf Blasenschwäche zu – besonders wenn sie so ausgeprägt ist, dass eine Frau Inkontinenzeinlagen tragen muss.

Nähe, Vertrauen, Offenheit

"Grundsätzlich fühlen wir uns am wohlsten, wenn wir nicht unter Stress leiden und uns in einer guten Verfassung befinden – sowohl psychisch als auch physisch", lautet das Ergebnis einer weltweiten Umfrage der Kondomfirma Durex zur sexuellen Zufriedenheit. Danach spielt es auch eine Rolle, wie oft jemand Sex hat. Das lässt sich nicht nur mit den entspannenden Effekten eines befriedigenden Liebesspiels erklären, sondern auch rein physisch. Bei einem Orgasmus schüttet der Körper nämlich Oxytocin aus, ein Hormon, das für ein Gefühl tiefer Geborgenheit sorgt und den Wunsch nach weiteren Höhepunkten schürt. Wichtiger als viel Verkehr ist für Frauen aber eine gute Beziehung zu ihrem Körper und eine funktionierende Partnerschaft, hat die Umfrage von Female Affairs gezeigt. Ähnliches ergab auch die Durex-Studie: "Dem Partner nahe zu sein, geliebt und respektiert zu werden sowie das damit verbundene Gefühl der Sicherheit haben einen starken Einfluss darauf, ob wir sexuelle Befriedigung erlangen können." Je offener die eigenen sexuellen Bedürfnisse dem Partner kommuniziert werden könnten, desto zufriedener und aufregender gestalte sich das Sexleben, heißt es dort weiter. Eine Einschätzung, die Anja Lehmann von der Charité teilt. Die Mitautorin der dortigen Studie zum weiblichen Sexualerleben kommt zu dem Schluss, dass die sexuelle Zufriedenheit bei Frauen weniger mit dem Orgasmus oder der Zahl der Partner zu tun habe, "sondern mehr mit Vertrauen und Kommunikation. Weibliche Sexualität ist komplex, eine einfache Handlungsanweisung gibt es nicht."


Quelle: Nach Informationen des Instituts für Medizinische Psychologie an der Berliner Charité, Patientenbefragungen, www.femaleaffairs.de, ISG - Informationszentrum für Sexualität und Gesundheit e.V. und des Durex Sexual Wellbeing Global Survey
Autor: Springer Medizin
Stand: Dec 3, 2007


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