
„Das ist eine faszinierende Geschichte“
Milchsäure-Gel hilft gegen Aminvaginose (Fischgeruch)
Eine bakterielle Fehlbesiedlung der Scheide kann zu einer unangenehmen Geruchsbelastung führen. Betroffenen Frauen steht hier eine neue Therapieoption zur Verfügung, erläutert Oberarzt Dr. Andreas Clad in einem Interview.
Special Scheidenpilz:
Herr Dr. Clad, welche Erfahrungen haben Sie mit Milchsäurepräparaten?
Dr. Clad:
Ich hatte bis vor etwa acht Monaten keine persönliche Erfahrung mit Milchsäurepräparaten. Bis dahin waren Milchsäure-Vaginalzäpfchen auf dem Markt und es gibt eine niederländische Veröffentlichung, die zeigt, dass Milchsäure-Zäpfchen in der Behandlung einer bakteriellen Fehlbesiedlung der Scheide – also der Aminvaginose – keinen Vorteil bieten gegenüber einem Placebo-Präparat.
Special Scheidenpilz:
Und seit dem? Das klingt als hätte sich in den letzten acht Monaten etwas verändert?
Dr. Clad:
Ja, im Gegensatz zu Zäpfchen unterstützt ein Milchsäure-Gel offensichtlich die Ansiedlung der für die Normalflora der Scheide typischen Milchsäurebakterien (Laktobazillen). Laktobazillen bauen in der Scheide befindliche Stärke zu Milchsäure ab. Das durch die Milchsäure verursachte saure Milieu in der Scheide kann als natürlicher Schutz vor Scheidenfehlbesiedlungen mit Darmbakterien gewertet werden. Aber zurück zum Thema: Zu meiner eigenen Überraschung hat sich gezeigt, dass das verwendete Milchsäure-Gel wirkt und auch sehr gut verträglich ist.
Special Scheidenpilz:
Woher kam denn Ihr Interesse für das Milchsäure-Gel?
Dr. Clad:
Es gibt zu Milchsäure-Gelen zumindest drei Veröffentlichungen, die mir bekannt sind: eine von 2006 und zwei aus früheren Jahren. Insgesamt sind allerdings in diesen Studien nur etwa 140 Patientinnen untersucht worden. Gezeigt werden konnte, dass die Verabreichung von Milchsäure-Gel dafür sorgt, dass sich Laktobazillen unter der Behandlung wieder in der Scheide anreichern.
Special Scheidenpilz:
Haben Sie diese Wirkung in Ihrer Sprechstunde selbst überprüfen können?
Dr. Clad:
Ja. Ich bin dem selbst nachgegangen. Ich wollte wissen, ob das Vaginalgel bei Frauen mit einer sogenannten Aminvaginose hilft. Die von mir behandelten Frauen litten seit Monaten oder Jahren unter unangenehmem Scheidengeruch, der durch die aus der Darmflora stammenden Erreger der Aminvaginose ausgelöst wird.
Special Scheidenpilz:
Was bedeutet eine Aminvaginose?
Dr. Clad:
Eine Aminvaginose ist eine Fehlbesiedlung der Scheide, d. h. es siedeln die falschen Bakterien in der Scheide. Diese verursachen Ausfluss, aber keine Entzündung. Für den typischen begleitenden üblen Geruch sind Abbauprodukte von Eiweißstoffen, sog. Amine verantwortlich, die von bestimmten Darmbakterien, die die Scheide besiedeln, gebildet werden. Es riecht unangenehm nach vergammeltem Fisch. So unangenehm, dass der typische Ausspruch betroffener Frauen ist: „Ich kann mich selbst nicht mehr riechen“.
Special Scheidenpilz:
Für betroffene Frauen sicher ein großes Problem!
Dr. Clad:
Ja, weil dieser Geruch sich kaum unterdrücken lässt. Ein Partnerschaftsproblem kann sich entwickeln, denn für den Partner ist der Geruch natürlich auch störend. Auch weiß man nicht, wie es zur Entwicklung einer Aminvaginose kommt.
Special Scheidenpilz:
Man weiß also nicht, wie die Aminvaginose entsteht?
Dr. Clad:
Richtig. Der Grund, warum das Milieu in der Scheide entgleisen kann, ist unbekannt. Etwa 5-10% aller Frauen leiden unter einer Aminvaginose – und das ist ein stilles Leiden, worüber die Frauen nicht sprechen, obwohl sie immer befürchten, dass andere das auch riechen. Die Patientinnen, die ich mit Milchsäure-Gel behandelt habe, hatten zwar über Monate und Jahre eine Aminvaginose, aber früher hatten sie dieses Problem nicht.
Special Scheidenpilz:
Zurück zu Ihrer Patientin. Welchen Erfolg konnten Sie feststellen?
Dr. Clad:
Eine kurzfristige Behandlung mit dem Antibiotikum Metronidazol beseitigt zwar die unerwünschten Bakterien (diese Fehlbesiedlung in der Scheide), sorgt aber nicht langfristig dafür, dass sich die Milchsäurebakterien wieder ansiedeln. Die interessante Frage ist, ob sich die Vaginalflora wieder stabilisiert, wenn nach der antibiotischen Therapie Milchsäure-Gel verabreicht wird. Und das ist tatsächlich der Fall! Bei einer Patientin, die seit einem Jahr diese Fehlbesiedlung der Scheide mit der außerordentlichen Geruchsbelästigung aufwies, führte die Applikation von Milchsäure-Gel über 7 Tage (jeweils abends) dazu, dass sich wieder Laktobazillen in der Scheide ansiedelten. Die Behandlung hat die Aminvaginose – also die Entgleisung des Scheidenmilieus – zwar nicht völlig beseitigt, aber man sah in den mikroskopischen Abstrichpräparaten deutlich, dass die unerwünschten Darmkeime zurückgedrängt wurden und dass wieder Laktobazillen in der Scheide vorhanden waren.
Special Scheidenpilz:
Wie lange ging die Behandlung? War der Erfolg von Dauer?
Dr. Clad:
Ich hatte der Patientin Teststreifen mitgegeben, mit denen sie den Säuregrad in der Scheide (Scheiden- pH-Wert) überprüfen konnte. Sie sollte das Milchsäure-Gel nur so oft einführen wie nötig, um das Scheidenmileu bei einem pH-Wert von 4 bis 4,5 – also leicht sauer – zu halten. Ich hatte sie zudem gebeten, mir hinterher mitzuteilen, wie oft sie das Milchsäure-Gel brauchte. In der ersten Woche nach einer 6-tägigen Therapie mit Metronidazol Vaginalsuppositorien verwendete sie jeden zweiten Tag eine Applikatorfüllung des Milchsäure-Gels. Danach war das nur noch zweimal in der Woche nötig. Nach ein paar Monaten rief sie mich an und sagte: „Ich nehme überhaupt gar nichts mehr, der pH-Wert bleibt bei 4,0!“. Und das ist jetzt drei Monate her! Das ist, wie ich finde, eine außerordentlich faszinierende Geschichte, dass die Patientin nicht mehr auf das Milchsäure-Gel angewiesen ist, da sich das Scheidenmilieu wieder stabilisiert hat.
Special Scheidenpilz:
Können Sie von weiteren Anwendungen berichten?
Dr. Clad:
Ja, ich habe das Milchsäure-Gel KadeFungin® Milchsäurekur auch bei einer leichten Entgleisung der Vaginalflora getestet, bei der die Laktobazillen fehlten, aber nicht so viele Darmbakterien in der Scheide nachweisbar waren, dass es zu einer stärkeren Geruchsentwicklung kam. Nach 7 Tagen mit täglich Milchsäure-Gel abends habe ich erneut einen Vaginalabstrich im Mikroskop und bakteriologisch untersucht, um zu prüfen, ob die Laktobazillen wiedergekommen waren.
Special Scheidenpilz:
Und das Ergebnis?
Dr. Clad:
Es war tatsächlich so! Die Patientin hatte nach 7 Tagen Milchsäure-Gel keine typischen Vaginose- bzw. Darmkeime mehr in der Scheide, sondern nur noch Laktobazillen, allerdings noch relativ wenig. Sechs Wochen später zeigten sich ohne weitere Therapie reichlich Laktobazillen im Vaginalabstrich. Wenn also ein Anstoß durch Milchsäure-Gel erfolgt ist, scheint sich die Vaginalflora selbst zunehmend zu stabilisieren.
Special Scheidenpilz:
Die Darreichungsform spielt also die entscheidende Rolle?
Dr. Clad:
Ja. Es scheint ein grundsätzlicher Unterschied zu sein, ob ich Milchsäure als Vaginalzäpfchen verabreiche oder als Gel. Man kann bei dem Milchsäure-Gel ganz klar nachweisen, dass es die Ansiedlung von Laktobazillen fördert. Warum? Wieso? Das ist heute noch unbekannt.
Special Scheidenpilz:
Gibt es weitere Vorteile in der Anwendung des Milchsäure-Gels?
Dr. Clad:
Ja. Die Behandlung mit Milchsäure-Zäpfchen kann für die Frauen auf die Dauer relativ unangenehm sein. So kann es zu Brennen im Scheideneingangsbereich kommen oder zu Ausfluss, wenn Zäpfchenreste erst am nächsten Tag aus der Scheide ausgestoßen werden. Ausfluss scheint unter dem Milchsäure-Gel kein Thema zu sein. Die Frauen haben das Gefühl, sie applizieren das Gel in die Scheide und es wird aufgesogen wie ein Schwamm.
Special Scheidenpilz:
Gibt es weitere Beispiele aus der Praxis? Oder Misserfolge?
Dr. Clad:
Ein drittes Beispiel ist eine Frau, die seit zwei Jahren unter einer Aminvaginose mit dem üblen Geruch litt. Zunächst wurde sie mit 100 mg Metronidazol über sechs Tage vaginal behandelt, anschließend verwendete sie täglich Milchsäure-Gel. Bei ihr war die Ansäuerung der Scheide nicht so erfolgreich. Das heißt, die Laktobazillen kamen zwar wieder, aber nach der Periode hatte sie erneut eine Aminvaginose. Es gibt also ganz klar Unterschiede, wie stark das Vaginalmilieu gestört sein kann. Bei manchen Frauen ist die Aminvaginose leicht zu beseitigen, bei anderen bringt eine kurzfristige Therapie keinen dauerhaften Erfolg. Allerdings verschwindet der Geruch, solange Milchsäure-Gel angewendet wird, weil durch die Herabsetzung des pH auf 4,0 bis 4,5 die flüchtigen Amine zu nicht riechenden Salzen umgewandelt werden. Eine längerfristige Anwendung von Milchsäure-Gel sollte aber auch bei sehr hartnäckiger Aminvaginose zu einer dauerhaften Stabilisierung der Laktobazillenflora führen. Dazu habe ich aber noch zu kurzfristige Erfahrungen mit Milchsäure-Gel. Im Voraus kann ich nicht sagen, ob es sich um eine hartnäckige Aminvaginose handelt oder nicht – das sehe ich erst im Verlauf der Therapie.
Special Scheidenpilz:
Muss über die Anwendung des Milchsäure-Gels der Arzt entscheiden? Oder kann eine Patientin Milchsäure-Gel auch frei verkäuflich erwerben und nach Gefühl anwenden?
Dr. Clad:
Da ist jede Patientin besser als ihr Arzt. Denn die Patientin hat ja die Geruchsbeschwerden. Und sie weiß am besten, wann die Beschwerden weg sind! Milchsäure-Gel ist das ideale Medikament für „Over The Counter“, also für den freien Verkauf. Da muss sich der Arzt im Grunde nicht einschalten. Das können die Frauen am besten selbst steuern.
Special Scheidenpilz:
Aber, ist denn mit dem Geruch auch die bakterielle Fehlbesiedelung weg?
Dr. Clad:
Ja, das ist sie. In der Regel läßt sich bei adäquater Behandlung wieder eine normale Scheidenflora nachweisen.
Special Scheidenpilz:
Noch eine kurze Frage zum Thema „Schwangere“? Können auch Schwangere von dem Milchsäure-Gel profitieren?
Dr. Clad:
Ja, auf alle Fälle. Auch bisher hat man versucht, in der Schwangerschaft die Laktobazillen-Ansiedlung zu fördern, z. B. mit Milchsäure-Zäpfchen. Das Milchsäure-Gel eröffnet da eine ganz neue Möglichkeit. Es ist sehr gut verträglich und gefährdet in keiner Weise das Kind. Darüber hinaus gibt es Studienergebnisse, die nahe legen, daß durch die Behandlung der bakteriellen Vaginose das Risiko einer Frühgeburt deutlich verringert werden kann.
Special Scheidenpilz:
Herr Dr. Clad, wir danken für das Gespräch.













